Was sind Licks, und wie übe ich sie?

Aktualisiert: 19. Jan.

Licks sind kleine musikalische Phrasen, Melodieschnipsel, Figuren oder Melodielinien die in der Regel zu einer ganz bestimmten musikalischen Situation passen. Wenn man genug verschiedene Licks beherrscht, ist man in der Lage ein Solo aus verschiedenen Licks nach einem "Baustein-prinzip" zusammenzufügen.


Das hört sich im ersten Moment überhaupt nicht nach Spontanität und Künstlertum an, aber unsere Sprache funktioniert genau so. Wenn jemand einen Gedanken mitteilen will, muss sein Gehirn grundsätzlich erst einmal die richtigen Wörter ausgraben, Diese in die richtige Reihenfolge bringen, auf die Grammatik achten, die Befehle an die Sprechorgane senden und darauf achten dass keine großartigen Fehler passieren. Das alles passiert in Echtzeit, parallel bereiten wir den nächsten Satz vor und so weiter. Alleine die Koordination der Sprechorgane ist schon eine Wahnsinnsleistung.

Im Grunde genommen funktioniert die Improvisation genau so. Der Improvisierende will etwas mitteilen, sich ausdrücken... Das Gehirn sucht dazu passende musikalische Phrasen, muss darauf achten dass die Rhythmik bzw. die Zeit passt, die Tonarten beachten, die Befehle an die Hände (Füße, oder Sprechorgane) schicken, usw....


Sprache wird also improvisiert.

Im Unterschied zur Sprache sind musikalische Phrasen aber wesentlich flexibler, variabler, leichter umzudeuten, lange nicht so komplex wie Sprache und außerdem international! Niemand muss Musik studiert haben um sie zu verstehen, er muss nur Mensch sein.


Da die II-V-I Verbindung die Hauptkadenz Im Jazz ist, werden viele Licks auf die II-V-I Verbindung bezogen. Das bringt einige didaktische Vorteile mit sich.

Beispielsweise lässt sich ein Übestand sehr gut dokumentieren.

Man findet sehr leicht heraus wo noch ein Nachholbedarf besteht.

Die Bearbeit lässt sich auf bestimmte Tonarten reduzieren, eben diejenigen die benötigt werden.

Licks kann man sehr systematisch abarbeiten, diese Struktur kann jemandem einen Halt in dieser freien Übeform der Improvisation geben.

Ein erfahrener Lehrer kann die Tendenzen eines Schülers oder Studenten erkennen und ihm entsprechende Licks empfehlen.

II-V-I Lässt sich aufteilen in erste Stufen, fünfte Stufen, zweite Stufen und II-V Verbindungen, dadurch ist das erforschen verschiedener Kombinationen vorprogrammiert.

II-V-I ist irgendwie überall...


Es gibt für sämtliche anderen harmonischen Situationen jede Menge Licks, es muss nicht ständig die II-V-I Verbindung sein, sie eignet sich aber sehr gut für das Prinzip der Licks.

Durch das Üben von Licks werden viele Fähigkeiten gleichzeitig trainiert. Das Gehör, verschiedene Tonarten, das intervallische Denken, Spieltechnik, Phrasierung, Rhythmik, motivisches Denken... Die Liste ist wahrscheinlich sehr lang.


Aber wie übe ich Licks?

Licks-Üben kommt dem Vokabeln-Lernen sehr nahe. Es ist ein Weg um seinen Wortschatz zu erweitern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Schwierigkeiten bei Licks bestehen vor allem in der Transferleistung. Die kann automatisch bzw. auf natürliche Art und Weise passieren, benötigt aber sehr regelmäßiges Training und viel Zeit. Dies kann erheblich beschleunigt werden indem neue Licks ganz bewusst in eine Passage zu Übezwecken eingebaut werden.


Im Besten Fall übt man einen Lick wie eine Phrase aus der "klassischen" Musik und legt zunächst Wert auf eine präzise Wiedergabe. Dabei spielt die richtige Phrasierung, das richtige timing und der richtige Ausdruck die größte Rolle. Die Fingersätze sollten selbstverständlich auf die Phrase optimiert sein und im Besten Fall notiert werden, der Körper soll diese Phrase ruhig als einen Reflex abspeichern. Ab jetzt kann man sich die nächste Tonart vornehmen usw...

Als nächstes baut man den neuen Lick ganz bewusst in ein Solo ein, macht sich klar was davor und was danach passieren kann. Das macht man solang bis man vergisst dass es ein neuer Lick war. Irgendwann sprudelt er dann während eines Solos aus dem Unterbewusstsein empor, man darf sich dann aber nicht aus der Fassung bringen lassen. Keinen interessiert in diesem Moment wann du diesen Lick mal gehört, gelesen, geübt oder erstellt hast.



4_4 Lick für erste Stufen in Dur
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Damit die mystische Energie der Spontanität nicht verloren geht, will man sich als improvisierender Musiker nicht zu viel zurechtlegen... Es ist zwar gut einen Plan B zu haben, aber er kann einem auch die Motivation, den Mut oder die Inspiration rauben etwas Neues zu schaffen.


Wer also neue Licks ganz bewusst in seine Soli einbaut wird sie schneller verinnerlichen als jemand der das nicht tut. Die ersten gelernten Licks werden dabei in jeder erdenklichen Situation eingesetzt werden. Das geht solang bis sie einem zum Hals raushängen.

Spätestens dann wird es Zeit für neues Vokabular, neue Songs, neue Inspiration. Licks sind ja längst nicht Alles, sie sind nur ein Teil vom Weg.


Im späteren Verlauf werden Licks auch wieder in Vergessenheit geraten, durch Andere ersetzt, oder sie entwickeln sich weiter.



Übe ich Licks?

Ja, sehr gern sogar. Licks benutze ich in meiner Überoutine zum Aufwärmen.

Im Gehörbildungsunterricht arbeite ich auch sehr gerne mit Licks da sie kurz sind, und sich ganz hervorragend dazu eignen einen fließenden Übergang vom Gehörbildungsunterricht zum Tonsatzunterricht zu schaffen. Oft bringen Licks individuelle musikalische Besonderheiten mit sich, die dann im Tonsatzunterricht erörtert werden können. Mir macht sowas ja Spaß :)